ihr.

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Mittwoch, 21. September 2011

wie fangen wir's nur an?

und während sie da lag, dachte mimi: "ich werd alles aufschreiben, alles. keine häppchen, nein, am stück, mit haut, knochen und knorpeln. nur: wie fang ich's an?"
 
 



Sonntag, 28. August 2011

mimi vom hafen. der cast.

"Vielleicht sollte ich mal eine Liste der Menschen und Orte machen, die mir hier immer wieder unterkommen", grübelte die Madame an einem Abend im August. Sie schlich barfuß um ihr rosarotes, windschiefes Haus, das am Eingang zum Hafen auf einem Erdhügel stand, und dachte nach.

Da war Herr Katzenmann, der alte Kater, der auch im Sommer Pelz trug und der ihr Mitbewohner und Gefährte war. Und eine größere Diva als sie selbst.

Dann der Boxer, ihr Nachbar und Vertrauter mit der Schlägervisage, der sie beschützte, wenn es ihr mal wieder gelungen war, sich in Schwierigkeiten zu manövrieren. Mimi hatte den Boxer in den Klumpen geschlossen, der nun an der Stelle saß, wo einst ihr Herz gerumst hatte.

Zinga Hay, der Förster aus dem Metzelwald, und sein Zombieteckel Erich. Erich verlor manchmal das linke Ohr, das war verfault. Aber nie wurde der Förster es müde, es ihm wieder anzunähen. Mimi imponierte soviel Hingabe, und wenn Zinga Hay mit Runzelstirn die Nähnadel zückte, seufzte sie stets ganz verzückt.

Frau Hedwig, Herr Blechschild und Manowar, drei Fische, die in dem Pfützenteich hinter Mimis Haus wohnten und dort liebevoll ihre Profilneurosen pflegten.

Viele ganz reizende Fräuleins, mit denen sich Mimi gern verlustierte. Mademoiselle Miez zum Beispiel. Das rotgelockte Schönchen, Marlene mit den Schlangenhaaren, das Püppchen aus der Stadt, Mari Dalor. Oder das kulleräugige Frollein Keks, die Dame Miezmiezmiez und das Bardämchen Liza Lasterhaft.

So viele mehr gab es, aber weil Mimis Kopf an diesem Abend eine Wüste und ganz leer war, schlief sie ein und schnarchte sich leise neue Lügenmärchen zuammen.

wie ein vollbad in sünde die madame fast das leben gekostet hätte.

Die Regentropfen hämmerten wie blöde gegen die Fensterscheibe. Auf die Fensterbank gekauert sah Mimi dem tropfenden Treiben zu. Sie hatte schlechte Laune. Warum, wusste sie nicht so genau, vielleicht, weil es so bitterkalt war, dass ihre Zähne klapperten. Da draußen war ein schöner Radau. Die Menschen waren aus ihren Häusern in den Regen hinaus gestürmt, in den Händen dicke Stücke Seife und Bürsten. „Was machen diese Verrückten denn da?“, fragte sie sich. Ach herrje, die waren ja alle nackt!

Mit einem Satz sprang Mimi von der Fensterbank, riss die Haustür auf und stolperte ins Nasse. Da stand ein Dutzend Männer und Frauen, lachend, singend, schrubbend. Tropfen platschten auf ihre Gesichter, die sie dem Himmel zugewandt hatten. Mit den Bürsten malträtierten sie ihre Leiber, die schon ganz rot und zerkratzt waren, es roch nach Kernseife.

„Hee, ihr nackten Wahnsinnigen! Was macht ihr denn da?“ Mimi wischte sich den Regen aus dem Gesicht, er rann über ihre Wimpern, die Wangen hinab, in ihr Kleid hinein. Sie schüttelte sich, morgen würde sie krank sein, ihre Lunge würde sich entzünden und wund werden und sie, Mimi, würde vermutlich sterben. Dennoch musste sie erfahren, was hier geschah.

Ein fetter Mann mit Besoffski-Nase drehte sich zur Madame um und rief „Heute ist doch Waschtag!“

„Waschtag? Könnt ihr das nicht in euren Häusern machen? Das ist nicht unbedingt ein schöner Anblick, mein Herr, so viel faltige Nacktheit vor meinem Fenster! Das müssen Sie einsehen!“

„Ich sehe, Sie scheinen neu im Hafen zu sein, Madame. Einmal im Jahr treibt es uns hinaus in den Sommerregen, auf dass er uns von unseren Sünden reinwasche.“

"Das ist mir neu. Ich kenne wohl den Brauch, sich in den Mairegen zu stellen, der streckt nämlich und lässt kleine Menschen wachsen…"

"Ein hervorragender Gedanke!", rief da eine Frau, die Mimi nur bis zum Bauchnabel reichte.

"... aber sich im Sommerplätscher die Sünden abzuschrubben? Das ist doch wirklich eine Schnapsidee!"

"Aber höchst wirksam. Schauen Sie sich doch mal um, Madame!", sagte da der beleibte Herr und machte eine ausladende Bewegung mit seiner Speckhand.

Und da fiel es Mimi auf. Die Straße war überschwemmt mit einem Film aus purpurnem Glitsch. Der floss aus den Poren der Männer und Frauen hinaus, strömte an Armen und Beinen herab, über die Füße, auf den Asphalt. Mimis Kiefer musste vor Schreck heruntergeklappt sein, das bemerkte sie, als der kalte Wind sie, durch die Schneidezähne hindurch pfeifend, in die Zunge zwickte. An Zuklappen war jedoch nicht zu denken. Da stand sie nun, fröstelnd und mit offenem Mund und Glotzaugen, die schwarz verschmiert von der zerlaufenen Wimperntusche waren, durchweicht vom dem, das aus den Wolken über ihr heraustropfte.

Die Männer und Frauen, bei denen es sich ausgeglitscht hatte, sahen schrecklich aus, fand Mimi. Ihre Haut war zwar wunderschön weiß und rein, gleichzeitig aber auch ganz matt und stumpf, kein Glanz war mehr da.

Wie traurig, dachte die platschnasse Hafenmadame. Das passiert also, wenn man sich im Sommerregen von seinen Sünden reinwäscht. Man verwandelt sich in einen stumpfgeschrubbten Klumpen. Verständnislos schüttelte sie den Kopf. Dann schlurfte sie zurück in ihr Haus und zog dabei eine Spur aus purpurnem Glitschregen hinter sich her. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, warum die Menschen das taten. Ein Leben ohne Sünden, ohne Fehler, Trägheit und Schlecht-Sein erschien ihr so trostlos, dass sie den Gedanken daran kaum ertragen konnte. Dass in diesem Moment ein Gewitter aufzog, verstärkte dieses Gefühl nur noch.

Mit einem Seufzer öffnete sie die Tür zum Badezimmer. Sie schlüpfte aus Kleid und Hemdchen, schmiss die Herrenunterhose, die sie trug und die eine Trophäe der vorletzten Nacht war, ins Waschbecken und ließ Wasser in den Badebottich ein. Und während draußen irgendwo ein Blitz einschlug, stand Mimi vor dem Regal, auf dem sie Seifen und Badezusätze aufbewahrte. 

„Ich möchte nie im Leben ein stumpfer Klumpen werden!“, dachte sie, stemmte die linke Hand in die Hüfte und griff nach einem Fläschchen, auf dessen Bauch in verschnörkelten Lettern geschrieben stand: „Dem Laster verfallen“. Etwas weiter unten waren die Ingredienzien aufgeführt: „Hochmut, Habgier, Wolllust, Zorn, Maßlosigkeit, Missgunst und Trägheit des Herzens“. Und, als letzte Zutat: „Lila Lebensmittelfarbe“. Noch etwas weiter unten stand: „Dosierung: 2 Esslöffel auf einen Bottich Wasser. Achtung: Zu viel Badezusatz kann eine Verduselung hervorrufen.“

„Genau das Richtige!“, befand die Madame, öffnete das Fläschchen und goss es bis zum letzten lila Tropfen ins Badewasser. Zwei Esslöffel! Püh! Sie war doch kein Anfänger. Ein Vollbad in Sünde und Laster, das war es, was sie jetzt brauchte.

Das Bad blubberte und duftete herrlich! Langsam ließ sie sich ins Wasser sinken. Ganz seidig fühlte sich das an, als das vornehme Gemisch sich wie ein Film aus sündigem Schmier um ihre Haut legte. 

Draußen hörte sie die Klumpenmenschen freudig johlen. 

Als ihr die Dämpfe zu Kopf stiegen, wurde Mimi duselig zumute. Sie schloss die Augen und verlor für einen Moment das Bewusstsein. Und wäre nicht zufällig Herr Katzenmann des Weges geschnurrt und hätte sie mit einem Tatzenhieb auf die Wange aufgeweckt, wäre die Madame wohl ertrunken.

Dienstag, 19. Juli 2011

der rest ist rülps.

„Was sollen wir jetzt mit ihm machen?“, fragte das kulleräugige Frollein Keks, rümpfte die Krümelnase und kniff die Beute in den Arm. Die rief „Aua!“ und „Warum tut ihr das?“

„Wir verhauen es!“ sagte Mimi und fletschte die Zähne wie ein Straßenköter.

„Huch, lass das mit dem Zähnefletschen, Mimi!“ Das war die Dame Miezmiezmiez, die eine Freundin explizit zarter Ästhetik war und dem allzu Groben nichts abgewinnen konnte.

„Wir berülpsen es, bis es ohnmächtig wird!“, rief das Bardämchen Liza Lasterhaft und leckte mit der Zunge den letzten Tropfen Rum aus dem Glas. Dann fügte das Dämchen mit erhobenem Zeigefinger hinzu: „Hicks!“

Frollein Keks, die Dame Miezmiezmiez und Mimi vom Hafen sahen sich an. „Das ist es!“, jubelten sie, nahmen jede einen tiefen Schluck aus der Rumflasche, umstellten das Püppchen, auf das sie Jagd gemacht hatten, weil es frech war und das nun an eine Straßenlaterne gefesselt vor ihnen stand, bitterlich weinte und um Gnade flehte, klopften sich gegenseitig feste auf die Brust und…

Der Rest war Rülps.

Dienstag, 12. Juli 2011

die liebe ist vermutlich eine ausgeburt der hölle.

Mimi und die Liebe waren sich seit jeher spinnefeind. Die Liebe dachte, dass Mimi einen Sockenschuss und widerwärtige Angewohnheiten hatte, wie anderen Leuten die Hühnerknorpel vom Teller zu klauen und laut knurpsend herunterzuschlingen. Mimi fragte sich, warum die Liebe stets dieses hässliche Halsband aus Romantik trug. "Ohne wäre sie gar nicht so schäbig", dachte sie manchmal, behielt das aber für sich.
Die Visage der Liebe war eine Fratze, die nur aus der Entfernung reizvoll schien. Sie war zugespachtelt mit parfümiertem Talkum und Theaterschminke, Wangen und Lippen waren kirschrot geschminkt. Ihren Haaransatz hatte die Liebe gebleicht, damit die Stirn höher und vornehmer schien als sie eigentlich war. Überhaupt war die Liebe eine ziemliche Mogelpackung. Aber sie duftete gut, wie ein Abend im Varieté, nach Aufgeregtheit und Herrenparfum und gelackten Damenkrallen. Ihre Ausdrucksweise war geziert, doch verstand sie es, sich den Situationen und den Menschen, die sie umgaben, anzupassen. Im Sommer trug sie flatterige Flatterkleider, löste die langen Locken und rannte wie blöde durch Felder voller Kornblumen und von Mähdreschern dahin gemetzelter Rehkitzleichen. Sie fraß Oliven und Wassermelone mit den Händen, gierig, kicherte wie das Mädchen, das sie seit Jahrhunderten nicht mehr war und ging Mimi noch mehr auf den Keks, als sie es den Rest des Jahres schon tat. Im Herbst und Winter ging es dann, dann besann sich die Liebe gern auf die Kunst, die sie am besten beherrschte: das Drama.
Mimi hörte die Liebe lieber heulen und fluchen als blöde kichern. Sie hasste es, wenn das Ding mit der Fratze und dem Halsband glücklich war. Dann war es unerträglich. Aber vielleicht wurde man automatisch so, wenn alle Welt täglich Lieder über einen sang und Gedichte schrieb, in denen es hieß, dass die Liebe das Einzige und Schönste im Leben sei und dass man ohne ihre Gunst sterben müsse.
Die Liebe hatte anfangs nicht verstanden, warum Mimi ihr gegenüber so auf der Hut war. Sie nahm doch jeden Dahergelaufenen mit in ihr Boudoir, trug ihr Herz auf der Zunge und zeigte es ungefragt jedem und zu jeder Zeit. Nur sie, die Liebe, konnte keinen Stich machen. Seltsam. Sie trug doch stets ihr hübsches Halsband aus Romantik, das gefiel den Menschen gemeinhin, alle wollten es anfassen und damit spielen, besonders die Mädchen.
Dabei hätte sie sich so gern mit der Hafenmadame in ihren Roben aus Schlick und Algen geschmückt. Nicht, dass sie Mimi sonderlich sympathisch fand. Aber sie war neu im Hafen, die Matrosen sprachen über sie, und mit ihren Tätowierungen und den Seerosen im Haar machte sie was her. Also versuchte sie, das Madamchen als Freundin zu gewinnen. Frauen machen das für gewöhnlich so. Sie hatte ihr Doppel-Rendezvous mit Galanen in Anzügen vorgeschlagen, dann aber, als sie merkte, dass Mimi das Verwegene und Derbe vorzog, Piraten mit Bärten in ihr Leben geschubst. Die Liebe wollte ihr Geschenke machen, Freundinnen machten das doch so, oder? Aber es brachte alles nichts. Mit jeder neuen Liebelei wurde Mimi nur bockiger, bis sie die Liebe eines Tages anschrie, sie solle sich gefälligst verpissen, mit ihrem „Für-immer“-Rotz und den Kerzen, an denen man sich doch nur die Pfoten verbrannte. Und sie, Mimi, keifte sie, die Liebe an, sie, die Liebe, sei schädlich für Mimis Gesundheit. Das Herz sei ihr wundgeklopft, ihr Stolz wie weggepustet und ihr Kopf nur noch ein nasses Brötchen, zu nichts mehr zu gebrauchen. Da gab die Liebe auf. Fortan wünschten sich die beiden noch „Guten Tag“ und „Guten Weg“, mehr zu sagen gab es nicht.
Eines Abends, als die Liebe auf dem Weg in die Stadt am Haus der Hafenmadame vorbeikam, sah sie diese mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter im Blumenbeet sitzen.
„Was machst du da? Blumen düngen?“ Die Liebe lachte laut und ordinär,
Aha, da haben wir’s ja wieder, dachte Mimi. In Gesellschaft das feine Dämchen markieren, dabei hat dieses überschminkte Ding Manieren wie ein Marktweib! Und immer dieses Halsband aus Romantik! So was Hässliches!
„Ich möchte allein sein, also verzieh dich!“
„Ach Mimi, du störrisches Fräulein. Was ist denn nur los?“, fragte die Liebe und hockte sich neben Mimi ins Blumenbeet. Die aber schüttelte nur den Kopf und grummelte „Nüchts.“
Hm. Die Liebe ahnte, woher der traurige Ausdruck auf dem Gesicht der Hafenmadame rührte. „Dir fehlt Liebe, Mimi!“
„Jetzt pass mal auf!“ Wie ein Sumo-Ringer machte Mimi einen Satz zur Seite, die Hände auf die Knie gestemmt. „Ich fand dich mal ganz nett. Du riechst gut. Aber ich kann bestens ohne dich leben, du hässliche Schnalle! Es geht mir auch ohne Liebe ausgezeichnet.“
„Hässlich? Es ist das romantische Halsband, oder? Jetzt hab ich’s: Du kannst mit Romantik nichts anfangen! Warte, ich mach es ab, kein Problem!“ Dann löste die Liebe umständlich den Verschluss, nahm das Band, das ganz rosa war, in ihre Hände und legte es zu Mimis Füßen. Sogleich häufte die Madame Erde über das Geschmeide, das auf dem Hals der Liebe einen käseweißen Ring hinterlassen hatte. Als es ganz unter einem Berg Torf verschwunden war, betrachtete Mimi die Liebe. Die war immer noch unschön und zu stark geschminkt, aber sie wirkte irgendwie… nun… cooler. Wie jemand, mit dem Mimi Freundschaft schließen könnte. „Ich habe noch ein Bier im Kühlschrank“, flüsterte die Madame kleinlaut. „Wollen wir uns das teilen?“
„Nö, ich mag kein Bier“, flötete die Liebe, gab Mimi eine Kopfnuss und hüpfte lachend von dannen.
 
 

Sonntag, 10. Juli 2011

der growlfisch manowar und das großvaterpony.

In Mimis Garten gab es einen Teich. Klein, nur wenig größer als eine Pfütze, dunkel und selbst im Sommer eisekalt. Drei Fische wohnten dort, die hießen Frau Hedwig, Herr Blechschild und Manowar. Und obwohl Manowar stets nur über seine Schuppenverflechtungen sprach, Herr Blechschild ein chronischer Nörgler und Frau Hedwig ein ausgesprochenes Plappermaul war, genoss Mimi die gelegentlichen Konversationen mit ihnen. Manchmal gesellte sich Herr Katzenmann dazu. Mimi hatte ihn vor langer Zeit mal gefragt, warum er niemals Jagd auf das Fischtrio gemacht hatte. Der alte Kater hatte sie angesehen, auf den Boden gespuckt und gefaucht: „Nur weil ich eine Katze bin, fresse ich nicht jeden Dreck.“

„Hallo ihr drei“, begrüßte Mimi an einem Sonntag im Sommer ihre drei Nachbarn mit den Glitschbäuchen und hängte ihre Beine in den Teich.

„Hallo Mimi“, growlte es da aus dem Dunkel. Das war Manowar.

„Ach, bist du wieder zurück?“ fragte Frau Hedwig.

„Ja, ach, Frau Hedwig, es war wundervoll!“

Für ein paar Tage war Mimi zu Gast in der großen Stadt gewesen, um dort den Matrosen zu besuchen, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Also hatte sie ihre schönsten Kleider und Seidenstrümpfe und Blumen fürs Haar in den alten Koffer gepackt und sich auf den Weg gemacht.

Der Matrose war noch schöner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Sie hatte jede Minute mit ihm genossen, seine Zahnlücke begafft wie ein hungriger Affe eine Banane, sie hatten sich geküsst, Mann und Frau gespielt, getrunken und Vollbäder in himbeeriger Dekadenz genommen, und einmal hatte er sie sogar auf den Jahrmarkt ausgeführt und sie im Autoscooter herumgefahren, bis ihr kotzübel wurde. Mimi lächelte. Ja, das waren gar großartige Tage gewesen.


„Laaangweilig!“ Herr Blechschild rumste mit seinem Glitschbauch gegen Mimis Schienbein. Das sollte wohl eine Aufforderung sein, Herr Blechschild war ganz versessen auf Sex und Crime.

„Herr Blechschild!“, keifte Mimi, „Contenance, du alte Gräte!“

Blubb-blubb-blubberte es da aus dem Teich.

„Dass die letzten Tage voller Liebe und nach Kuchen duftendem Glück für mich waren scheint euch also nicht zu interessieren.“

„Nein.“

„Na gut. Dann erzähle ich euch von der Mistress und dem Großvaterpony.“ Die Hafenmadame streckte sich und holte tief Luft.

„Ich war zu Gast auf einem Reiterhof. Der war sehr besonders, weil es dort gar keine Pferde gab. Die Stallungen lagen unter der Erde und statt Karotten und Heu gab es dort Martini und Wein, der die Lippen bläulich färbt. Geritten wurde dennoch. Auf alten Herren und blondierten Frauen mit großen Brüsten. Ein reizvoller Anblick.“ Ein Seufzen durchfuhr die Brust der Madame. „Am meisten gefiel mir ein weißmähniges Großväterchenpony, das vor seiner Reiterin ein Tänzchen vollführte. Es zuckte und trippelte und schien auf ein Zuckerstückchen zu hoffen. Doch wollte es seiner Herrin nicht so recht gefallen. Die schimpfte laut und sagte böse Dinge, die das Pony aber nur noch mehr anstachelten und beflügelten. Für einen Moment hätte ich schwören können, dass das Weißmähnen-Pony schwebte!“

„Tat es das denn?“ Herr Blechschilds Maul klappte vor Spannung auf und zu.

„Nein, tat es nicht“, gluckste da Frau Hedwig und zwinkerte Mimi zu. Frau Hedwig war einst eine berühmte Domina gewesen, hatte sich aber vor drei Jahren aufs Altenteil zurückgezogen. „Großvater-Ponys tanzen bekanntlich besonders possierlich, wenn man ihnen eine gute Ladung Reizstrom in die Hufe jagt.“

„Ganz genau, Frau Hedwig, Sie grausame Kennerin Ihres Fachs!“ Mimi kicherte und hätte beinahe das Knurren ihres Bauches überhört. Aber eben nur beinahe. Fisch. Sie verspürte Appetit auf Fisch. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Hörerschaft, platschte auf nassen Sohlen in die Vorratskammer, griff sich eine Dose Hering in Blut-Tomaten-Soße aus dem Regal und verspeiste den Inhalt auf einer Scheibe Toast.

ich.

Mein Bild
Madame Mimi vom Hafen und ihre in Rum getränkten Lügengeschichten.