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Freitag, 10. Juni 2011

die geschichte vom letzten leberhaken, und wie es dazu kam. dritter teil.

Der schöne Tünn, der, wie Mimi immer sagte, nicht sonderlich schön, sondern ganz im Gegenteil absonderlich hässlich war, war ein rechter Klotz, grob und brutal, und er benahm sich an diesem Abend eben so, wie er es gewohnt war, sich zu benehmen: Er fasste den Mädchen unter den Rock und verteilte lachend Backpfeifen an die jüngsten, ängstlich dreinblickenden Matrosen, sowie an die ältesten Kapitäne, Männer, die sämtliche Ozeane überquert und das Kap der guten Hoffnung mehr als einmal umrundet hatte. Männer, denen die Zornesröte ob ihrer öffentlichen Demütigung in die wettergegerbten Gesichter gestiegen war und die sich gewehrt hätten, wenn sie dazu nur imstande gewesen wären. Doch ihre Muskeln waren schon seit langem schwach und leer. Der Boxerpoet schämte sich für den schönen Tünn, er schämte sich für die Würdelosigkeit und die stumpfe Dreistigkeit, mit der er widerfuhr, und das sagte er ihm genauso ins Gesicht: „Tünn, du magst vielleicht in deiner Oberstadt ein großer Lude mit einem Stall voller Pferdchen, einer Villa und protzigen Autos sein, doch hier, im Hafen, bist du nur ein räudiger Hund, den sie alle getrost Mensch nennen. Oder war es doch eher ein Mensch, den sie hinter vorgehaltener Hand Hund nennen?“ Tünn hatte ihn daraufhin beleidigt und ihm zu guter letzt ins Gesicht gespuckt. Doch der Boxerpoet hatte für ihn nur ein bitteres Lächeln übrig. Noch war die Zeit nicht gekommen. Noch nicht.

Als der schöne Tünn keuchend an der Wand hinter Mimis Spelunke lehnte, vor sich eine junge Dirne, die gerade im Begriff war, sein Gemächt in ihre warme Mundhöhle aufzusaugen, war der Zeitpunkt gekommen. Der Boxerpoet war kein schneller Junge, doch er hatte Reflexe, und in den richtigen Momenten war er imstande, sein Gewissen auszuschalten. Demnach war er aus der Dunkelheit aufgetaucht wie ein Geist, und nur eine entschlossene Bewegung später hatte er Tünns Hals mit dem Dosenöffner (aus Mimis Küche) in seiner Hand gebrochen. Die junge Dirne hatte sich indes so sehr erschrocken, dass sie, anstatt laut zu schreien, einfach zubiss, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, jedoch eingedenk der Tatsache, dass sich Tünns mehr oder weniger hartes Glied nun zwischen ihren Lippen und somit in ihrem Mund befand, bedeutete, dass sie Tünns mehr oder weniger hartes Glied abbiss, und das mehr oder weniger harte Glied nun in hohem Bogen durch die Luft flog und auf dem regennassen Asphalt liegen blieb, allerdings nur für einen kurzen Moment, denn dann holten es die fetten Kater, die stets unter dem Balkon hinter Mimis Spelunke marodierten.

Butz, der fetteste der fetten Kater und das Alphamännchen im Rudel der streunenden Katzen, verschwand mit dem, nunmehr vollständig erschlafften, Glied unter der Veranda, um dieses in seiner, der Katzenvorstellungswelt, „feine Würstchen“ ( inklusive illustrer Panade aus Blut und Lusttropfen, die zerfetzen Schwellkörper bedeuteten als grobe Stückchen eine Einlage und somit eine besondere Gaumenfreude für ihn) in Windeseile zu verschlingen.
Der Boxerpoet erteilte der jungen Dirne, die als Zeugin eine Bedrohung darstellte, offiziell Hafenverbot und zahlte für ihre Ausreise nach Patagonien, wo sie einen Viehzüchter namens Cesar Luis Menotti kennen- und lieben lernen sollte (dieser Menotti wurde später Fußballtrainer und führte die Nationalmannschaft Argentiniens sogar zu einem Weltmeisterschaftstitel). Dieses war das einzige Mal, dass er außerhalb des Ringes jemanden umgebracht hatte, und diese Tat schlug eine gehörige Kerbe in sein Gewissen.

Doch daran dachte er jetzt nicht, zumindest versuchte er, nicht daran zu denken, was ihm mehr schlecht als recht gelang. Schattenboxen war eine willkommene Abwechslung, und während Mimi die Planken ihrer Spelunke schrubbte, verteilte er imaginäre Aufwärtshaken (seine Spezialität) und spürte, wie sich das Feuer in seinem Bauch entfachte. Als Pausbackenjohnny durch die Tür der eigentlich noch nicht geöffneten Spelunke trat, war sein Oberkörper schweißnass. Er bemerkte Pausbackenjohnnys massige Gestalt erst, als sich der Schatten, gegen den er boxte, auf ein Vielfaches vergrößerte. Er drehte sich um und sah ihn fragend an.
„Und?“
Pausbackenjohnny zuckte mit den Achseln.
„Du hast es nicht auf die Undercard geschafft!“ antwortete er und sah betreten zu Boden.
Alles aus, war, was der Boxerpoet zuerst dachte und sah schon traurig hinüber zu Mimi, die nun gerade in ihrer Pause dabei war, Eis mit grünem Teegeschmack und roten Bohnen zu verspeisen, doch dann, dann sah er dieses hinterlistige Grinsen, das in Pausbackenjohnnys Mundwinkel zuckte.
„Du kämpfst gleich und sofort den Hauptkampf, und zwar gegen Pitters Nas!“
„Gegen Pitters Nas?“ entfuhr es dem Boxerpoeten und Mimi zeitgleich.
„Aber Johnny!“ entgegnete der Boxerpoet und hob seine Hände, „Pitters Nas ist der Roy Jones Junior der Oberstadt, ich nur der Arthur Cravan des Hafens!“
Pausbackenjohnny zuckte wieder mit den Achseln.
„Sein Gegner hat sich beim Sparring eine Verletzung der Retina zugezogen und fällt aus, also ist das deine große Chance, es geht um den Titel!“
Der Boxerpoet sah Mimi entgeistert an, doch Mimi nickte nur, freudig erregt.


Der Kampf fand in der Halle des Ochsen statt, der große und altehrwürdige Kuppelbau neben dem Hafenbecken, ein Ort, an dem nur die legendärsten aller Ringschlachten geschlagen worden waren (zum Beispiel, als der „Rumble in Neuruppin“ kurzfristig verlegt werden musste) eine Halle also, die der Boxerpoet nur als Zuschauer kannte. Alle waren da, von Kim Weber über Andreas Sidon bis hin zu Willy Fischer, die Garde der harten Männer und der Faustkämpfer, und die, die es einmal gewesen waren, die schillernden (meistens eher ramponierte und abgeschmackte) Milieugrößen wie der hässliche Indianer, der im Gegensatz zum schönen Tünn, der ja eben nicht schön, sondern hässlich gewesen war, eben nicht hässlich, sondern sehr schön war, der breite Max, dessen Breite sich nicht etwa auf seine körperliche Dimension, sondern viel eher auf den allgegenwärtig hohen Alkoholpegel bezog (manchmal auch „Plattfisch“ oder „Highländer“ gerufen), dann der lange Jupp, der wirklich einfach nur groß war, oder der jecke Fritz (verrückt in dem Sinne, dass er gerne lebendige Grashüpfer zu seinem Bier verzehrt) und sein Bruder, Max, das Ohr, der seinen Beinamen aufgrund seiner Vorliebe trug, Freiern, die sich bei den Mädchen daneben benommen hatten, als Strafe kleine Ecken aus ihren Ohren herauszuschneiden, sowie manchmal eben auch das ganze Ohr abzurasieren, und zwar mitsamt dem Knorpel.

Pausenbackenjohnny sah in das Gesicht des Boxerpoeten. Es war faltig geworden, sehr faltig, wie er feststellte, und dann dachte er, dass es immer dasselbe war mit dieser Art von Mensch. Sie sind zwar talentiert, gesegnet mit Talent, aber einfach stets zu faul, weil sie glauben, ihr Talent würde irgendwie ausreichen, und schlussendlich obsiegt doch immer wieder die Faulheit, die Trainingsfaulheit, die Kopffaulheit. Das unterschied sie eben vom Rest, von den wahren Champions, die sich bis zum Erbrechen quälten, die ihre Bewegungsabläufe wie Ballettänzer einstudierten. Boxen nennt man nicht umsonst Sweet Science, die „süße Wissenschaft“. Der Boxerpoet machte immer noch dieselben Schrittfehler wie zu Beginn seiner Laufbahn, nach all den Jahren, und er ließ immer noch die Schulter zu sehr fallen, sein Jab war zu langsam (jetzt wahrscheinlich noch langsamer als er jemals war, dachte Johnny). Das Einzige, was er wirklich konnte, was er wirklich verinnerlicht hatte, war der Körperhaken, jedoch gegen einen technisch versierten, schulmäßig und somit bestens ausgebildeten Boxer wie Pitters Nas, der seinen Beinamen deswegen trug, weil er nach seinen zahlreichen Kämpfen immer noch so schön und unversehrt aussah wie ein Mädchen und eben keine mehrfache gebrochenen Nase aufzuweisen hatte, sondern eine wohlgeformte, war es eine mickrige Waffe, und dennoch seine einzige.

„Kopf, Körper, Kopf!“ flüsterte Pausbackenjohnny, als das Rezept für den Kampf in das Ohr des Boxerpoeten und nickte, und dann griff er in seine Tasche und holte die Bandagen heraus. Es waren keine normalen Bandagen, keine herkömmlichen, es waren die Bandagen von Torsvan Gnadenthür, dem letzten Champion, der in den düsteren Gassen des Hafens geboren und aus ihnen emporgestiegen war. Torsvan schlug Claude Hofferstadt (naturgemäß ein versnobter Boxer aus der Oberstadt) in einem Gefecht über 15 Runden und in der 15 und somit letzten Runde KO, und das, obwohl ihm der gnadenlos hart schlagende Claude bereits den Kiefer gebrochen hatte. Das Blut war nur so aus Torsvans Mund herausgespritzt, der Ringrichter war nur einen winzigen Deut davor, den Kampf abbrechen zu lassen, und in der 14 Runde rettete ihn lediglich der Gong vor dem Knock out, doch in dieser einen Ringpause zwischen der 14 und der 15 Runde geschah etwas mit Torsvan Gnadenthür, das sich niemand während und nachdem Kampf so recht hatte erklären können. Pausbackenjohnny, der damals als sein Trainer in der Ringecke gestanden hatte, pflegte stets zu berichten, das, seiner persönlichen Meinung nach, Torsvans Seele auf eine Art Reise gegangen wäre, und das in der 15 Runde nicht mehr Torsvan Gnadenthür gekämpft habe, sondern nur noch der Leib von Torsvan Gnadenthür, und das der eigentliche Torsvans Gnadenthür diesen Leib von einer höheren Sphäre aus dirigiert haben müsse, den die 15 Runde war die beste Runde, die Pausbackenjohnny jemals von Torsvan Gnadenthür gesehen habe, vielleicht die beste Runde Boxen überhaupt. Plötzlich dominierte Torsvan Gnadenthür den Kampf, jeder Schlag, jede Kombination saß perfekt, Torsvan verwandelte sich in nur einer einzigen Runde von einem guten zu einem legendären Boxer, und er ließ sich Zeit, solange, bis die letzten zehn Sekunden angeschlagen wurden, um Claude Hofferstadt mit einer präzisen, fast schon chirurgisch anmutenden Kombination zu vernichten. Nach diesem Kampf kehrten weder Torsvan Gnadenthür noch Claude Hofferstadt jemals wieder in den Ring zurück. 

„Weißt du, Mimi, das hier sind keine normalen Bandagen“, presste der Boxer, atemlos vor Adrenalin und Aufregung, zwischen den Zähnen hervor. Mimi hatte ihren Kopf zwischen den Seilen hindurch gesteckt, um den Freund Glück zu wünschen. „Das sind die Bandagen von Torsvan Gnadenthür, dem letzten…“ 

„Lalalalaaaa!“ Mimi hielt sich mit ihren Hanschuhhänden die Ohren zu und schrie, sie konnte sich ja selbst nicht hören, den Boxer an: „Boxer! Du sollst mir keine ollen Kamellen erzählen, du sollst dem Mann da vorne den Garaus machen!“ Dabei zeigte sie auf den Gegner, der umringt von Trainer und Getreuen, tierähnliche Laute ausstieß, um sich aufzupeitschen, noch mehr aufzupeitschen. „Ich meine diesen Affen da! Und jetzt hör auf mit diesem sentimentalen Käse, der bringt mir nichts! Los!“, sie patschte gegen Pausbackenjohnnys Brust, „steck ihm dieses Gebissdings in den Mund, der hört sonst nie auf zu faseln!“

Die Menge um sie herum johlte, tobte. Der Mob wollte Knochen splittern, wollte Blut sehen, wollte sehen, wie der Boxer, ihr Freund, unterging in einem See aus roter Suppe, während der andere, Pitters Nass hieß er wohl, triumphierte, die Arme hochriss, brüllte und einstimmte in das Gejaule der anderen Primaten. 

„Boxer?“

„Ja?“

Mimi griff den Freund an den Trägern seines Unterhemdes, zog ihn zu sich heran, glotzte mit großen, schwarzverklumpten Wimpernaugen in das erschrockene Gesicht und sagte „Wenn du ihn fertig machst, belohne ich dich!“ Dann drückte sie einen festen, schnalzenden Kuss auf die Lippen des Poetenboxers, streichelte die eingefallenen Wangen und flüsterte in sein Ohr: „Ich will, dass er nie wieder aufsteht. Schaffst du das?“

„Ja!“ Die Stimme des großen Mannes klang entschlossen. „Ja!“

„Gut, gut.“

Sie drehte sich um, spuckte auf den Boden – hatte sie gerade wirklich den Boxer geküsst? Na pfui, der war doch so was wie Familie – und sprang mit einem Satz auf den Boden. Dann verließ sie die Halle, unbemerkt vom Boxer, der nun ebenfalls schnaubte und stöhnte wie der andere. Sie war sich nicht sicher, wie der Kampf ausgehen würde. Sicher, der Boxer war ein Kämpfer, er hatte den Hunger, den es brauchte, um diesen Affen zu schlagen, er hatte den Zorn, den Hass. Doch zuallererst hatte er Angst, er schwitzte sie aus jeder Pore aus, und der andere, Pitters Nass, würde es riechen, so wie sie es riechen konnte, und er würde nichts unversucht lassen, ihren Freund zu schlagen. Für einen Moment kam ihr der Gedanke in den Sinn, dass der Boxer bereit war, sein Leben für sie, Mimi vom Hafen, zu lassen. Doch sie verscheuchte ihn, den Gedanken, zischte „Husch husch, weg mit dir!“ Das ging einige Zeit gut. Eine Minute und 13 Sekunden, um genau zu sein.

Als sie sich an eine Backsteinmauer lehnte und daran dachte, dass in diesem Moment der Kampf anfangen müsste, kam das schlechte Gewissen vorbei stolziert, lupfte seinen von Motten zerfressenen Hut und sagte: „Guten Tag, Frau Mimi. Ach, schauen Sie sich gar nicht den Fight an? Der findet doch nur Ihretwegen statt.“

„Verzieh dich!“, keifte Mimi, hockte sich auf den Boden und nahm ihren Kopf zwischen beide Hände. Sie fühlte sich elend. Sie hätte den Boxer nicht anlügen dürfen, er war doch ihr Freund! Niemand sonst hielt es lange mit ihr aus, niemand sonst ließ sich die Unterhemden von der Leine klauen, ohne sie zurückzufordern, und niemanden sonst hatte sie, den sie mit Kuchen und Schlafliedern trösten konnte, wenn er Liebeskummer hatte. Und sie tröstete doch so gerne.

„Also, Frau Mimi? Was meinen Sie?“

„Ich meine, dass du freches Ding eine gehörige Tracht Prügel verdient hast“, sagte sie ruhig. Dann erhob die Hafenmadame sich und beförderte das schlechte Gewissen mit einem Tritt in Nachbars Garten.




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Madame Mimi vom Hafen und ihre in Rum getränkten Lügengeschichten.