ihr.

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Dienstag, 12. Juli 2011

die liebe ist vermutlich eine ausgeburt der hölle.

Mimi und die Liebe waren sich seit jeher spinnefeind. Die Liebe dachte, dass Mimi einen Sockenschuss und widerwärtige Angewohnheiten hatte, wie anderen Leuten die Hühnerknorpel vom Teller zu klauen und laut knurpsend herunterzuschlingen. Mimi fragte sich, warum die Liebe stets dieses hässliche Halsband aus Romantik trug. "Ohne wäre sie gar nicht so schäbig", dachte sie manchmal, behielt das aber für sich.
Die Visage der Liebe war eine Fratze, die nur aus der Entfernung reizvoll schien. Sie war zugespachtelt mit parfümiertem Talkum und Theaterschminke, Wangen und Lippen waren kirschrot geschminkt. Ihren Haaransatz hatte die Liebe gebleicht, damit die Stirn höher und vornehmer schien als sie eigentlich war. Überhaupt war die Liebe eine ziemliche Mogelpackung. Aber sie duftete gut, wie ein Abend im Varieté, nach Aufgeregtheit und Herrenparfum und gelackten Damenkrallen. Ihre Ausdrucksweise war geziert, doch verstand sie es, sich den Situationen und den Menschen, die sie umgaben, anzupassen. Im Sommer trug sie flatterige Flatterkleider, löste die langen Locken und rannte wie blöde durch Felder voller Kornblumen und von Mähdreschern dahin gemetzelter Rehkitzleichen. Sie fraß Oliven und Wassermelone mit den Händen, gierig, kicherte wie das Mädchen, das sie seit Jahrhunderten nicht mehr war und ging Mimi noch mehr auf den Keks, als sie es den Rest des Jahres schon tat. Im Herbst und Winter ging es dann, dann besann sich die Liebe gern auf die Kunst, die sie am besten beherrschte: das Drama.
Mimi hörte die Liebe lieber heulen und fluchen als blöde kichern. Sie hasste es, wenn das Ding mit der Fratze und dem Halsband glücklich war. Dann war es unerträglich. Aber vielleicht wurde man automatisch so, wenn alle Welt täglich Lieder über einen sang und Gedichte schrieb, in denen es hieß, dass die Liebe das Einzige und Schönste im Leben sei und dass man ohne ihre Gunst sterben müsse.
Die Liebe hatte anfangs nicht verstanden, warum Mimi ihr gegenüber so auf der Hut war. Sie nahm doch jeden Dahergelaufenen mit in ihr Boudoir, trug ihr Herz auf der Zunge und zeigte es ungefragt jedem und zu jeder Zeit. Nur sie, die Liebe, konnte keinen Stich machen. Seltsam. Sie trug doch stets ihr hübsches Halsband aus Romantik, das gefiel den Menschen gemeinhin, alle wollten es anfassen und damit spielen, besonders die Mädchen.
Dabei hätte sie sich so gern mit der Hafenmadame in ihren Roben aus Schlick und Algen geschmückt. Nicht, dass sie Mimi sonderlich sympathisch fand. Aber sie war neu im Hafen, die Matrosen sprachen über sie, und mit ihren Tätowierungen und den Seerosen im Haar machte sie was her. Also versuchte sie, das Madamchen als Freundin zu gewinnen. Frauen machen das für gewöhnlich so. Sie hatte ihr Doppel-Rendezvous mit Galanen in Anzügen vorgeschlagen, dann aber, als sie merkte, dass Mimi das Verwegene und Derbe vorzog, Piraten mit Bärten in ihr Leben geschubst. Die Liebe wollte ihr Geschenke machen, Freundinnen machten das doch so, oder? Aber es brachte alles nichts. Mit jeder neuen Liebelei wurde Mimi nur bockiger, bis sie die Liebe eines Tages anschrie, sie solle sich gefälligst verpissen, mit ihrem „Für-immer“-Rotz und den Kerzen, an denen man sich doch nur die Pfoten verbrannte. Und sie, Mimi, keifte sie, die Liebe an, sie, die Liebe, sei schädlich für Mimis Gesundheit. Das Herz sei ihr wundgeklopft, ihr Stolz wie weggepustet und ihr Kopf nur noch ein nasses Brötchen, zu nichts mehr zu gebrauchen. Da gab die Liebe auf. Fortan wünschten sich die beiden noch „Guten Tag“ und „Guten Weg“, mehr zu sagen gab es nicht.
Eines Abends, als die Liebe auf dem Weg in die Stadt am Haus der Hafenmadame vorbeikam, sah sie diese mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter im Blumenbeet sitzen.
„Was machst du da? Blumen düngen?“ Die Liebe lachte laut und ordinär,
Aha, da haben wir’s ja wieder, dachte Mimi. In Gesellschaft das feine Dämchen markieren, dabei hat dieses überschminkte Ding Manieren wie ein Marktweib! Und immer dieses Halsband aus Romantik! So was Hässliches!
„Ich möchte allein sein, also verzieh dich!“
„Ach Mimi, du störrisches Fräulein. Was ist denn nur los?“, fragte die Liebe und hockte sich neben Mimi ins Blumenbeet. Die aber schüttelte nur den Kopf und grummelte „Nüchts.“
Hm. Die Liebe ahnte, woher der traurige Ausdruck auf dem Gesicht der Hafenmadame rührte. „Dir fehlt Liebe, Mimi!“
„Jetzt pass mal auf!“ Wie ein Sumo-Ringer machte Mimi einen Satz zur Seite, die Hände auf die Knie gestemmt. „Ich fand dich mal ganz nett. Du riechst gut. Aber ich kann bestens ohne dich leben, du hässliche Schnalle! Es geht mir auch ohne Liebe ausgezeichnet.“
„Hässlich? Es ist das romantische Halsband, oder? Jetzt hab ich’s: Du kannst mit Romantik nichts anfangen! Warte, ich mach es ab, kein Problem!“ Dann löste die Liebe umständlich den Verschluss, nahm das Band, das ganz rosa war, in ihre Hände und legte es zu Mimis Füßen. Sogleich häufte die Madame Erde über das Geschmeide, das auf dem Hals der Liebe einen käseweißen Ring hinterlassen hatte. Als es ganz unter einem Berg Torf verschwunden war, betrachtete Mimi die Liebe. Die war immer noch unschön und zu stark geschminkt, aber sie wirkte irgendwie… nun… cooler. Wie jemand, mit dem Mimi Freundschaft schließen könnte. „Ich habe noch ein Bier im Kühlschrank“, flüsterte die Madame kleinlaut. „Wollen wir uns das teilen?“
„Nö, ich mag kein Bier“, flötete die Liebe, gab Mimi eine Kopfnuss und hüpfte lachend von dannen.
 
 

Kommentare:

  1. Jaja, die Liebe. Ich kenne da aber noch ne blödere Kuh, die nennt sich Madame la Comtesse de Strohfeuer und ist naturblond.

    Genialer Text übrigens!

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  2. Schätzchen, gut geschrieben.
    Ich weiß nicht, ob es bei Dir so ankommt, aber ich finde Dich wie Astrid Lindgren für Große.
    Deine Worte sind gut gewählt, Aufbau und Ausdruck für mich zucker! Mach weiter, Mimi, mach weiter!

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  3. Herrlich...was für eine bunte schillernde Lady ...süchtig nach deinen Zeilen-immer wieder aufs neue angefixt - weiter so fleissiges Dingelchen!!

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  4. ich danke euch, ihr lieben miezen und lieber monsieur!

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  5. wieder ein beeindruckender Text, mach wieter so Mimi,
    Deine Fans warten auf ein Buch.
    Gruss John

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ich.

Mein Bild
Madame Mimi vom Hafen und ihre in Rum getränkten Lügengeschichten.